Daniel Küblböck oder der Notfall „Mann über Bord“ auf Kreuzfahrtschiffen

Das traurige Schicksal des Ex-Stars des Talentwettbewerbes „Deutschland sucht den Superstar“ Daniel Küblböck hat das Thema „Mann über Bord“ wieder einmal in den öffentlichen Focus gerückt. Küblböck ist am 9. September auf einer Transatlantikschiffsreise vermutlich von Bord gesprungen und gilt nun als verschollen.

Ein düsteres und auch ein wenig gruseliges Thema: Menschen die bei einer Kreuzfahrt spurlos verschwinden. Doch welcher Kreuzfahrer hat sich nicht schon einmal die Frage gestellt: Warum gehen Menschen über Bord? Selbsttötung, Unfall oder Verbrechen?
Über das Thema gibt es zahlreiche Veröffentlichungen –  neben Untersuchungen und Sachliteratur, auch Fiktionales darunter spannende Krimis. Dazu später mehr. Beginnen wir mit Fakten.

Wie oft passiert es, dass ein Passagier von Bord fällt oder springt?

Statt „Mann über Bord“ sollte es eigentlich richtiger „Mensch über Bord“ oder „Person über Bord“ heißen. Doch der Ausdruck kommt aus einer Zeit in der ausschließlich Männer zur See fuhren.

Auf Kreuzfahrten kommt der Notfall „Mann über Bord“  zum Glück sehr selten vor, ist aber auch  kein Einzelfall.

Der viel zitierte Kreuzfahrtexperte und Buchautor Ross A. Klein hat die bekannt gewordenen Fälle gesammelt und auf seiner Webseite Cruisejunkie dokumentiert. Seit 2000 zählt Ross 317 Fälle, dabei ist der Fall von Daniel Küblböck bereits mitgerechnet. Auch ist anzumerken, dass es sich bei den 317 Fällen sowohl um Passagiere als auch Schiffspersonal handelt. Siehe Auflistung von Ross A. Klein: http://www.cruisejunkie.com/Overboard.html

Rechenspiele – Relationen

2017 waren es laut der Ross-Statistik 17 Fällen – davon 6 Crewmitglieder und 11 Passagiere. Im gleich Jahr haben weltweit rund 28.000 Millionen Menschen an einer Kreuzfahrt teilgenommen. Setzen wir diese 11 Passagiere in Relation zu rund 28.000 Millionen Kreuzfahrtpassagieren, so kommen wir auf einen Prozensatz von 0,00004. Oder anders ausgedrückt das Risiko bei einer Kreuzfahrt über Bord zu gehen liegt bei etwa 1 zu 2,5 Millionen.

Die Gefahr vom Schiff zu fallen ist also eher ein theroetisches Risiko. Da gibt es ganz andere Zahlen, die uns aufregen und zum Nachdenken anregen sollten.

  • Mindestens 3100 Flüchtlinge ertranken laut Angaben der Internationalen Organisaion für Migration IOM 2017 im Mittelmeer ertunken (Quelle Tagesschau )
  • 3215 Menschen starben 2017 in Deutschland bei Verkehrsunfällen (Angaben ADAC)

„Mann über Bord“ Sicherheitsübung :  MOB-Manöver

Der Ernstfall „Mann über Bord“ wird auf Kreuzfahrtschiffen regelmäßig in Form einer Sicherheitsübung dem sogenannten MOB (Man over boat) -Manöver durchgespielt und trainiert. Dabei wird häufig ein Boje oder eine Puppe aus dem Wasser gerettet.

Doch was ist zu tun, wenn Sie selbst Zeuge eines Mann-über-Bord-Notfalls werden? Es sind drei Dinge:

  • Rettungsring werfen
  • Ununterbrochen mit dem ausgestreckten Arm auf die Person im Wasser zeigen. Das ist ganz wichtig, denn in Wellen und Gischt verschwindet eine Person schnell aus dem Sichtfeld und ist nur schwer zu erkennen.
  • Lautstark „Mann über Bord“ rufen. Ein Crewmitglied informieren. Bevor Sie loslaufen, um Hilfe zu holen, müssen sie unbedingt eine andere Person beauftragen weiterhin auf die Person im Wasser zu zeigen.

Wann alles gut geht, dann kommt das Schiff schnell zum Stehen und ein Beiboot wird heruntergelassen, um die Person im Wasser zu retten. Beim einem „Mann über Bord“ Notfall ist grundsätzlich das Maritime Rescue Coordination Center MRCC zu verständigen um weitere Hilfe anzufordern und Rettungsmaßnahmen zu koordinieren. Es sind übrigens alle Schiffe dazu verpflichtet, bei der Suche und bei der Rettung mitzuhelfen.

Bravo oder Oscar – die Rettungscodes bei Sicherheitsübungen

Bei Sicherheitsübungen verwendet die Crew Codewörter, um Passagiere nicht in Unruhe zu versetzen. Diese Codewörter sind jedoch nicht bei allen Reedereien gleich. Bei den meisten Reederein steht das Codewort „Oscar“ für „Mann über Bord“.  Zum Codewort wird zu Localisierung die Schiffseite angegeben,  also „Oscar steuerbord“ oder „Oscar backbord“. Auch die menschenähnliche Übungspuppe für MOB-Manöver heißt übrigens Oscar.  Ein weiteres sehr wichtiges Codewort ist „Bravo“.  Es bedeutet meisten Feuer. Es gibt aber auch Reederei die das Codewort Oscar für „Mann über Bord“ verwenden. Außerdem ertönen im Notfall „Mann über Bord“ als akustisches Signal drei lange Töne aus dem Schiffshorn.

Ermittlungen nach Landesrecht der Schiffsflagge

Um die Zahl der „Mann über Bord“-Unfällen zu verringern, gibt es Sicherheitsvorkehrungen wie etwa einheitliche Mindesthöhen für die Reling oder zunehmend auch schon Videoüberwachungssysteme.
Der US-Kongress hat 2010 per Gesetz die Reedereien verpflichtet,  „Mann über Bord“-Fälle bei Strafzahlung in Höhe von 250.000 $ spätesten vier Stunden nach Feststellung des „Mann über Bord“-Falles zu melden. Dies ist sicherlich sinnvoll um Vertuschungsaktionen zu verhindern und alle Fälle zu erfassen. Doch wenn eine Person unbemerkt in der Nacht freiwillig oder unfreiwillig über Bord geht und erst am nächsten Morgen vom Zimmerpersonal vermisst gemeldet wird, dann ist es ist fast unmöglich die Person noch zu finden geschweige denn zu retten.

Die Flagge des Schiffes bestimmt die Rechtsvorschriften

Wenn in ungeklärten Fällen eine Ermittlung stattfindet, dann erfolgt diese nach den Rechtsvorschriften des Landes, unter dessen Flagge das Schiff unterwegs ist. Auf deutschsprachigen Schiffen gilt also nicht automatisch deutsches Recht, sondern die Rechtsvorschriften Italiens (Aida), von Malta (Mein Schiff) oder auch der Bahamas (z.B. MS Deutschland).

„Mann über Bord“ in der Literatur

Vermisste Kreuzfahrtpassagiere sind auch ein beliebte Thema in der Literatur. Hier eine kleine Auswahl:

Diese Bücher stehen alle bei uns auf der To-Do-Liste. Sobald wir sie gelesen haben, erscheint hier auch eine ausführliche Rezension.