„Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Ortheil

Erinnerungen an eine Frachtschiffreise

Im Sommer 1967 unternimmt Vater Ortheil mit seinem 16-jährigen Sohn – dem Autor des Buches – von Antwerpen aus mit einem Frachtschiff eine 18-tägige Seereise durch das Mittelmeer nach Griechenland und Istanbul. Vater und Sohn sind die einzigen Passagiere auf dem schwer beladenen Frachter Albireo.

Stürmisch und bedrohlich wirkt das Buchcover der Neuerscheinung „Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Orteil.
Stürmisch und bedrohlich wirkt das Buchcover der Neuerscheinung „Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Orteil.

Das Schiff ist kein Luxusdampfer, aber die Kabine ist geräumig, das Essen schmackhaft und ein Steward kümmert sich um das Wohlergehen der Gäste. Schnell ist der Kontakt zur Führungsmannschaft geknüpft. Während der Mahlzeiten sitzen die beiden Passagiere mit dem Kapitän, dem ersten Offizier und dem Ingenieur an einem Tisch. Während der Reise wächst die kleine Gruppe zusammen. Es entsteht ein reger Austausch und auch so etwas wie Freundschaft.

Auf den Spuren des Odysseus

Die Reise verläuft nur kurze Zeit ruhig. Ein gewaltiger Sturm mit heftigem Seegang setzt der Mannschaft und vor allem dem jungen Passagier zu.  Der Junge wird entsetzlich seekrank. Linderung bringt nur die Beschäftigung mit großer Literatur. Homers Odyssee wird zur Leitlektüre und der Schriftsteller in spe sucht und findet im Schicksal des Odysseus Parallelen zum Leiden des jungen Ortheil. Klingt hochtrabend und liest sich auch so.

Sommernachtstraum in Griechenland

Höhepunkt und Sehnsuchtsziel der Reise ist Griechenland. Das passt natürlich zu Homers Odyssee. Nach zehn Tagen ohne Landgang, die der junge Ortheil vor allem mit Lesen, Schreiben und Philosophieren verbringt, erwartet ihn im griechischen Patras das pralle Leben. Gerüche, ungewohnt Musik- und Geschmackseindrücke betören, verwirren und bereiten den Boden für eine ganz neue Erfahrung: eine als ekstatisch erlebte Nacht in einem angesagten Musikclub mit viel Alkohol, Tanzen, Küssen und der Beginn einer Urlaubsliebe.

Ein Genie pubertiert!

Ortheils neuestes Buch „Die Mittelmeerreise“ basiert wie schon zuvor die beiden anderen Reiseromane „Die Moselreise“ und „Die Berlinreise“ auf Tagebucheinträgen, Notizen und Aufzeichnungen, die der Autor als Jugendlicher während und direkt nach seinen Reisen verfasst hatte. „Die Mittelmeerreise“ ist also aus der Sicht eines Halbwüchsigen geschrieben. Dieser junge Mann ist begabt, talentiert, belesen und gebildet – leider aber auch sehr von sich eingenommen, ein Besserwisser und selbstherrlicher Schnösel. Der Leser ist versucht, durch die Buchdeckel hindurch dem Jungliteraten zuzurufen: „Wenn der Kuchen spricht, hat der Krümel Pause“. Doch das würde nichts nützen, denn Ortheil hält sich für den Kuchen. Eitelkeit und Selbstüberschätzung sind in diesem Fall vermutlich nur eine spezielle Pubertätsvariante, trotzdem sind sie für den Leser nur schwer zu ertragen. Wehe, wenn dem Genie nicht genug Anerkennung entgegengebracht wird, dann kann der junge Mann sehr unangenehm werden. Zuerst trifft es den Steward und den Funker, später erdulden der erste Offizier und ein griechischer Plattenverkäufer völlig unangebrachte Zurechtweisungen.

Kein reiner Genuss und nur mit Einschränkungen zu empfehlen

Der über 600 Seiten starke Wälzer ist mit seinen vielen abschweifenden Exkursen und unausgegorenen philosophischen Extrakten etwas zu langatmig und redundant geraten. Schade, da hilft nur Überblättern.

Und nun das Positive: Das Buch schildert anschaulich griechische Momente, die so nur ein Individualreisender erleben kann. Das weckt Fernweh und Abenteuerlust.

Wirklichkeitsnah und ohne jede Beschönigung beschreibt der Autor das Reisen auf einem Frachtschiff, die vielen Tage auf offenem Meer, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und das Ausgeliefertsein an die Naturgewalten. Es gibt auch kaum Zerstreuung, dafür Gespräche, wenige aber dafür intensive Kontakte.

Offene Fragen

Allerdings interessiert sich der Autor nur für das Leben auf dem Oberdeck. Die Arbeitswelt der Matrosen bleibt in seinem Buch leider völlig ausgeblendet. Wir erfahren auch nichts über die Ladung. Welche Güter und Waren wurden kurz nach dem Putsch durch die griechisches Militärjunta von Antwerpen aus in die Ägäis transportiert?

Interesse geweckt?

„Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Ortheil erschien 2018 im Verlag Luchterhand. „Die Mittelmeerreise“ ist als Hardcover, eBook, Hörbuch (gekürzt, 5 CDs) und MP3-Dowload bei Bücher.de erhältlich.